Dienstag, 18. Oktober 2011

Was ich von einem Löffel Mayo lernte

In meinem Wohnheim, damals vor gut 14 Jahre wohnte auch eine gewisse Iris. Iris kam aus Passau und war das, was ich erst Jahre später als eine „resolute Bayerin“ erkannte (damals fehlte mir noch das Vokabolar dazu). Sie war korpulent, trug immer weite T-Shirts und schien ihre Weiblichkeit immer verstecken zu wollen. Dies gelang nur bedingt, da ihre Riesenbrüste sie immer verpfiffen haben. Ich pflegte nur mäßigem Kontakt zur Iris. Meine Deutschkenntnisse könnten mit dem PassauerSlang nicht warm werden. Eines Tages, in der Gemeinschaftsküche wollte ich ein Thunfischsandwitch machen. Das weiß jedes Kind, auf ein ordentliches Thunfischsandwitch gehört mindesten 1 Klecks Mayo. Ich hatte aber keine Mayo, Iris schon.
Ich habe sie also freundlich gefragt ob ich was von Ihrem Mayoglas abbekommen könnte, sie willigte ein: der Sandwitch war gerettet. Ich nahm ein Esslöffel Mayo aus dem Glas und schmierte es auf das bappige Sandwitchbrot eher ich einen genüsslichen Biss daran nahm.
Lecker!
2 tage später, im Supermarkt, dacht ich daran selber Mayo zu kaufen. Als ich später meinen Einkauf in der Küche auspackte, kam Iris rein. „Irsel“ sagte ich, „schau mal her, ich habe auch Mayo geholt, also Du weißt schon, bedien dich!“. Iris schaute zu mir und mit einem breiten Grinsen sagte sie „Cool! Da greife ich mal zu ga!“. Und tatsächlich, nahm sie ein Esslöffel aus der Schublade, öffnete langsam das Glas mayo, nahm ein Löffel Mayo heraus und… lies es langsam in ihrem Mund verschwinden. „Da simma wohl quit!“ sagte sie. Ich war schockiert. Nicht nur dass ich von diesem Anblick Würgreiz hatte, ich war regelrecht empört, dass sie auf dieser kleinlichen Art und Weise auf Schuldenvergleich aus war.
Das sind die Erkenntnisse, die zu Stereotypenbildung beitragen,  Ruckzug hatte ich Iris’ Verhalten auf das gesamt deutsche Volk übertragen. Ich schmückte es noch mit Adjektiven wie geizig, spiessig und peinlich. Das machte eine von den Anekdoten, die ich jahrelang erzählte unter dem Titel "ich erkläre dir die Deutschen".

Jetzt weiß ich es besser: Ein Löffel Mayo pur zu essen ist zugegeben ecklig. So etwas Kleines und Bedeutungsloses sofort zurück zu verlangen mag ja kleinkariert und spießig sein aber für eine jeder Beziehung kann es kathartisch wirken.

Du glaubst ich spinne? Vielleicht doch, aber hör doch noch kurz zu!
In meiner Kultur wäre vom Löffel Mayo wohl keine Rede. Es ist selbstverständlich, dass man was abgibt, es zurück zu verlangen wäre in den meisten Fällen undenkbar. Vielleicht ist es der Krieg, der lange an mein Land nagte, der die Leute zum „bedingungslosen teilen“ animierte aber unter dem Strich bleibt beim Geben fast immer das leise Verlangen nach Rückgabe.  Man sagt es nie direkt, in extremen Fällen könnte man es lediglich andeuten aber immer kann man bei Anderen darüber jammern. Lästern wäre hier das passende Verb. "Die soundso schnorrt immer Zigaretten", "der soundso hat sich meine Jacke geborgt und gibt sie nicht zurück".

Ist es nicht so, dass wir meistens auf Reziprozität aus sind? Wir sagen ich liebe dich, um es auch schallen zu hören. Wir hören der verheulten Freundin stundenlang zu, weil wir genau wissen: wenn ich motzen will muss/wird sie mir auch zuhören. Der Umgang mit anderen Menschen ist eine Summe von kleinen Austauschaktionen, es wird vom Geben und Nehmen bestimmt. Sind diese kleiner Aktionen des give and take nicht harmonisch, entsteht Frust, die Beziehung gerät in Gefahr. „Jedes mal wenn wir Essen gehen zahle ich“. „Mein Buch hätte schon gern zurück, es ist ein Jahr her!“ Das kennen wir wohl alle.

Um zur Iris zurückzukommen: Ab den Moment an, wo Iris den Löffel Mayo in ihren Mund steckte, stellte sie das Gleichgewicht unserer Beziehung wieder her. Die Beziehung war nun frei von Altlast, der nächste Austausch konnte kommen!

Kommentare:

  1. Theoretisch, sollte es auch in unserer Kultur so sein (nach dem moto "Gute Rechnungen machen gute Freunde (sic)).. Warum es bei uns nie so geworden ist, no idea... Vielleicht liegt es daran, dass wir das Geben und Nehmen bzw. Teilen mit anderen Sachen verbinden, wie z.B. mit unserer Freude. Wir zeigen, wieviel wir den Anderen schätzen/gern haben/beschützen wollen usw., indem wir mit ihm was teilen.. Und umgekehrt auch: wir fühlen uns geliebt usw. wenn die Leute in unserer Umgebung Sachen mit uns teilen wollen. Deswegen verlangen wir das auch nicht direkt. Wir wollen dass der Andere von allein auf die Idee kommt.
    In D ist es (meistens) eine einfache
    Gefälligkeit, die dazu dient, dein Leben in dem Moment zu erleichtern und muss danach zurückerstattet werden.
    (Ich bin schon müde, mich auf DE auszudrücken :))
    the love from the radio

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  2. Ich habe fast nichts verstanden aber es gefaellt mir :P

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  3. loveradio
    vielleicht ist es so. Nichts desto trotz sehe ich nun auch die Richtigkeit an Iris' Handlung,

    Brenda
    du wirst immer besser!

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  4. Du, ich weiß nicht ob es der Krieg ist, oder ganz einfach die mittelmeerische Kultur. Wie z.B. italienische oder spanische Mitstudenten haben immer gerne mitgeteilt ob das Essen war oder was auch immer. Was ich mir sicher bin, ist dass derjenige der gerne teilt, nicht unbedingt ausgenutzt werden will. Teilen ist schön...wie du sagtest es kommt auf Reziprozität und dass ist ein sehr wichtiges Element der menschlichen Natur.

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  5. Ekama ton Sketo anagnwsti su giati ithela tin voitheia tou gia na ta katalavw oulla. To zoumi pantws pianw to, proodevw :)

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  6. tsartellouin! sehr gut!

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